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Ein Blick

Das Wallis und das Theater. Theater im Wallis. Das ist kein neues Thema. Da steht schliesslich zunächst einmal eine grosse Tradition des jesuitischen Studententheaters am Kollegium Brig. Und da mancher ehemalige Studenten als Pfarrer auf irgendein Dorf kam, so kam auch das Theater auf das Dorf. Das Wallis hat eine ganz grosse und vielseitige Tradition noch- oder besser gesagt wieder – ist, der erinnere sich nur an die vielen Aufführungen der Oberwalliser Dorf- und Laienbühnen in jedem Herbst und Winter. Schon ein kurzer Blick in Albert Carlens 1982 im Rotten-Verlag erschienenen "Theatergeschichte des deutschen Wallis", in dem mit akribischer Sorgfalt auch das letzte Theaterereignis aufgelistet ist, zeigt, dass das Wallis eine wahre Theaterhochburg ist. Und der Träger dieses Theatergeschehens sind direkte Laienspielgruppen, wie zum Beispiel in Mörel, oder aber, das ist wohl die Regel, Dorfvereine, der Frauenverein, der Samariterverein, die Jungmannschaft, oder, oder, oder.

Carlens Statistik zeigt aber auch, dass irgendwann Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre ein Umbruch in der Theaterszene stattfand, die Zahl der Dorftheater nahm ab. Ein Grund dafür dürfte sicherlich der Einzug des Fernsehens ein, der unsere Sehgewohnheit gewaltig veränderte. Durch das Fernsehen wurden wir informierter, anspruchsvoller, kritischer. So versuchten in den sechziger Jahren zum Beispiel der Vortagsverein der Migros-Kulturdienst immer wieder ein bis zwei Grossveranstaltungen nach Brig zu holen. Das heisst für Brig-Glis zu Beginn der siebziger ca. vier/fünf Theaterveranstaltungen pro Jahr. Gleichsam entstand in den sechziger Jahren in der Deutschschweiz eine sehr aktive alternative Kleintheaterszene, um 1970 bestanden in der Schweiz ca. 60 bis 70 Kleintheaterbühnen. Und es verwundert auch nicht, dass dieses neue kritische alternative Kulturbewusstsein auch ins Oberwallis kam.

Am 11. November 1972 war es dann soweit. Im Briger Bahnhofbuffet fand die Gründungsversammlung des Oberwalliser Kellertheaters statt. Gründungspräsident war Prof. Anton Bielander, Vizepräsident war Ulrich Crettaz. Ein Vorstand von 13 Mitgliedern arbeitete die Statuten aus. Dort heisst es unter Namen und Zweck: "Unter dem Namen Oberwalliser Kellertheater besteht ein Verein im Sinne von Artikel 60ff ZGB mit Sitz in Brig-Glis. Er bezweckt die Förderung des kulturellen Lebens im Oberwallis." Der Stiftungsrat des Stockalperschlosses stellte im ehemaligen Carnozet die Räumlichkeiten zur Verfügung. Für den Ausbau und die technischen Installationen war ein Betrag von Fr. 75'000.—vorgesehen. Mit einer Inforamtionsschrift an alle Oberwalliser Haushaltungen versuchte man Mitglieder zu gelangen. Und bald hatte man fast an die 400 Mitglieder geworben.

Dieses erstaunliche Echo zeigt, dass die Idee eines Kellertheaters in der Luft gelegen hatte, dass sie durchaus einem Interesse weiter Bevölkerungskreise entsprach. Die Gründung des Oberwalliser Kellertheaters demonstrierte auch etwas von jeder kulturellen Aufbruchsstimmung der frühen siebziger Jahre. Und dass bald einmal die Mitgliederzahl sich zwischen 450 und 500 einpendelte und bis heute konstant geblieben ist, ist doch ein Beweis dafür, dass das Oberwalliser Kellertheater nach wie vor seine kulturelle Berechtigung im Oberwallis hat, und das, obwohl heute ein wesentlich grösseres, vielseitigeres Kulturangebot besteht als in den Gründungsjahren. (Soviel als Eigenlob!)

Das Kellertheater setzte sich zum Ziel, ein möglichst vielseitiges Angebot zu präsentieren, pro Jahr sollten 30 bis 40 Veranstaltungen aller Art durchgeführt werden. Natürlich vor allem Theater, aber auch grössere Aufführungen an anderen Spielorten wie im Kollegiumssaal, im Pfarreizentrum Brig oder im natischer Zentrum-Missione. Daneben sollten Cabarett und Pantomime, Chanson und Jazz, Dichtungslesungen und Vorträge, Marionetten- und Puppentheater nach Brig geholt werden.

Am 16. Und 17 März 1973 war es dann soweit. Auch im Kellertheater hob sich jener Vorhang über jenen Brettern, die die Welt bedeuteten. Mit Max Frischs Schauspiel "Als der Krieg zu Ende war" des Zürcher Theaters 58 startete die neue, die oberwalliser Kellertheater Ära.

Doch so ganz harmonisch verlief die Geschichte des Kellertheaters nicht immer. Da ist sicher immer wieder der Kampf um die Zuschauer, einem ausverkauften Saal sthen auch zum Glück wenige Produktionen gegenüber, bei denen sich nur ein Häuflein aufrechter Theaterfreaks einfand. Uns auch Skandale gab es. Am 11. November 1973, auf den Tag genau ein Jahr nach der Gründung kam es zu einem grossen Eklat. Angekündigt war eine Extraaufführung des Londoner Action Theatre's mit "East of the Moon and West of the Sun", im Untertitel "Eine historische komödie von hinreissendem Humor". Nun, das fanden lange nicht alle Zuschauer, erregte Besucher verliessen während der Vorstellung das Theater, es kam zu einem handfesten Skandal und scharfen Portesten und – wie üblich – zu einem Schlagabtausch im Walliser Boten und im Volksfreund. Albert Carlen schrieb in seiner "Theatergeschichte": (Zitat) "Nicht ohne Grund warf man der Aufführung Verhöhnung des Publikums, Striptease und Blasphemie vor. Doch blieb es bei der Einmaligen Verirrung."

Doch noch eine viel grössere Zerreisprobe stand dem Kellertheater im Sommer 1974 bevor. Auf den 20 Juni 1974 war im Stockalperhof eine Grossaufführung geplant, nämlich "Liebi Liebhabra" von Pfarrer Eduard Imhof. Und zwar hatte Eduard Imhof hier eine Dialektbearbeitung von Joseph von Eichendorfs "Die Freier" geschaffen. Regie hatte der Zürcher Heino Werthmüller führen sollen, der schon im Jahr zuvor Einakter von Curt Goetz auf die Kellerbühne gebracht hatte. Doch wegen eines totalen Zerwürfnisses mit dem Regisseur zerschlug sich die Aufführung, Herr Werthmüller, der sich als Regisseur im Oberwallis eingeführt hatte, allerdings ein gewöhnlicher Schauspielschüler war, hatte grosse Pläne, allein die Kostümentwürfe gingen in die Tausende. Es kam zu einer erbitterten Polemik und zu einem "währschaften Krach" – so Albert Carlen. Die heftigen Diskussionen – auch in der Presse – führten zur Demission des gesamten Vorstandes. Doch konnte die Krise beigelegt werden, und im März 1975 wurde Siegfried Heinzen Nachfolger von Anton Bielander als Präsident des Oberwalliser Kellertheaters. Oder nach dem Theater am 9.Januar.1998 "Jesus und Nosus – Das allerneuste Testament" mit Christer Johannson folgte im Walliser Bote sogar eine Editorial mit dem Titel "Blasphemie" und zahlreiche Leserbriefe folgten.

Sind es auch vor allem Kleinformationen, die auf der Bühne des Kellertheaters gelangten, so bilden doch einige Grossaufführungen sicherlich die Höhepunkte. Zum Beispiel der "unvergessliche Auftritte von Hans Joachim Kulenkampf in Carl Zuckmayers "Des Teufels General", oder Hoffmannsthals "Der Unsterbliche" in der Originalbesetzung der Bregenzer Festspiele mit Joseph Meinrad. Fast alle bekannten Schweizer Kabaretisten waren im Kellertheater zu Gast. Alfred Rasser, Emil Steinberger, Franz Holer, Walter Morath, Ursus & Nadeschkin, César Keiser und Margrit Läuble. Stars wie der Sänger zur Harfe Andreas Vollenweider, die Flamencotänzerin Nina Corti oder die Leute von Mummenschanz, Siller Has, Vera Kaa oder Dodo Hug. Es gelang und gelingt dem Kellertheater immer wieder, Walliser, die in der Aussenschweiz oder im Ausland Theaterkarriere gemacht haben, zurück ins Wallis zu holen. Erwähnt sei hier etwa Franziskus Abgottspon, Eleonore Bürcher, Beat Albrecht, Hanelore Sarbach oder Regula Imboden.